Ambivertiert im Beruf: Warum ich Austausch und Rückzug brauche

von Sascha Tegtmeyer | Aug. 17, 2025

Ich kann auf einer Veranstaltung innerhalb weniger Minuten mit fremden Menschen ins Gespräch kommen. Ich stelle Fragen, höre zu, erzähle, lache, verknüpfe Gedanken. In solchen Momenten wirke ich wahrscheinlich ziemlich extrovertiert.

Am nächsten Tag möchte ich womöglich niemanden sehen. Dann sitze ich stundenlang allein an einem Text, telefoniere nur, wenn es wirklich nötig ist, und empfinde die Ruhe nicht als Mangel, sondern als Luxus.

Lange hielt ich das für einen Widerspruch. Inzwischen sehe ich es anders:

Ich brauche Austausch, um gutes Material zu bekommen. Und Rückzug, um daraus gute Arbeit zu machen.

Der Begriff ambivertiert beschreibt Menschen, die nicht eindeutig an einem Extrem der Extraversion liegen. Er ist nützlich, solange man daraus keine neue Schublade baut und schon gar keine Superkraft erfindet.

Für mich ist Ambiversion keine Identität, die jedes Verhalten erklärt. Sie ist ein brauchbares Arbeitsmodell: Ich besitze mehr als einen Modus. Die Aufgabe entscheidet, welcher gebraucht wird.

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Introvertiert oder extrovertiert ist keine Ja-nein-Frage

Persönlichkeitspsychologie behandelt Extraversion üblicherweise als Dimension, nicht als zwei sauber getrennte Arten von Menschen. Manche liegen deutlich näher am einen Ende, andere am anderen oder irgendwo dazwischen.

Das klingt unspektakulär, ist für mich aber befreiend.

Du musst nicht jeden Tag dieselbe soziale Lautstärke liefern, um eine konsistente Persönlichkeit zu besitzen. Ein Mensch kann gern sprechen und trotzdem Ruhe brauchen. Er kann auf einer Bühne souverän sein und anschließend einen leeren Abend benötigen. Er kann still arbeiten, ohne schüchtern zu sein.

Wichtig ist die Trennung:

  • Introversion und Extraversion beschreiben Persönlichkeitstendenzen.
  • Schüchternheit betrifft unter anderem soziale Unsicherheit oder Hemmung.
  • Reizempfindlichkeit ist wiederum etwas anderes.
  • Müdigkeit nach einem langen Tag ist zunächst einfach Müdigkeit.

Nicht jedes Bedürfnis nach Rückzug braucht ein Etikett.

Externe Quelle: Grant (2013): Rethinking the Extraverted Sales Ideal – The Ambivert Advantage.

Was die bekannte Ambivert-Studie tatsächlich zeigt

Der Psychologe Adam Grant untersuchte 2013 bei 340 Beschäftigten eines Outbound-Callcenters den Zusammenhang zwischen Extraversion und Verkaufsleistung. In dieser konkreten Stichprobe zeigte sich eine umgekehrt U-förmige Beziehung: Menschen im mittleren Bereich erzielten im Durchschnitt höhere Umsätze als stark introvertierte oder stark extravertierte Kollegen.

Die Teilnehmenden stammten aus einem einzigen US-Unternehmen, waren im Mittel 19,9 Jahre alt und ihre Verkaufszahlen wurden über drei Monate erfasst.

Grant vermutet als Erklärung: Die Mitte kann ausreichend durchsetzungsfähig auftreten und gleichzeitig besser zuhören, ohne durch übermäßige Begeisterung oder Dominanz abzuschrecken.

Das ist interessant. Es beweist nicht, dass Ambivertierte generell die besseren Führungskräfte, Autoren, Unternehmer oder Menschen sind. Eine Callcenter-Studie ist kein Naturgesetz für das gesamte Berufsleben.

Die nützliche Erkenntnis ist enger:

In Gesprächen kann die Fähigkeit helfen, zwischen Senden und Zuhören flexibel zu wechseln.

Damit kann ich etwas anfangen.

Meine zwei Arbeitsräume: Bühne und Werkstatt

Ich denke inzwischen in zwei Bildern.

Die Bühne

Auf der Bühne findet Austausch statt. Das muss keine echte Bühne sein. Es kann ein Interview, eine Redaktionskonferenz, ein Kundengespräch, ein Workshop oder eine Veranstaltung sein.

Dort brauche ich Präsenz. Ich muss Fragen stellen, reagieren, Energie lesen, Widersprüche wahrnehmen und manchmal eine klare Position vertreten.

Für einen Journalisten ist diese Seite unverzichtbar. Gute Geschichten entstehen selten allein aus Dokumenten. Menschen liefern Erfahrungen, Motive, Sprache, Reibung und die kleinen Details, die ein Thema lebendig machen.

Die Werkstatt

In der Werkstatt wird aus dem Material ein Ergebnis.

Dort brauche ich Ruhe. Ich sortiere, prüfe, verwerfe, schreibe und baue Zusammenhänge. Ein gutes Gespräch ersetzt diese Arbeit nicht. Es macht sie erst möglich.

Wenn ich in der Werkstatt ständig ansprechbar bin, bleibt das Material Rohmaterial. Wenn ich dauerhaft in der Werkstatt bleibe, fehlt mir irgendwann neues Leben für die Arbeit.

Die Stärke liegt nicht in der Mitte eines jeden Moments. Sie liegt im Wechsel.

Ambiversion bedeutet nicht „weder noch“, sondern „sowohl als auch“: ein beweglicher Punkt auf der Skala zwischen Intro‑ und Extraversion.
Ambiversion bedeutet nicht „weder noch“, sondern „sowohl als auch“: ein beweglicher Punkt auf der Skala zwischen Intro‑ und Extraversion.

Warum gleichzeitiges Mischen schlecht funktioniert

Ich habe lange versucht, beide Modi in denselben Tag, teilweise sogar in dieselbe Stunde zu pressen.

Ein bisschen schreiben, dann ein Call, danach zurück in den Text, zwischendurch eine Nachricht und noch ein Gespräch. Anschließend so tun, als ließe sich der alte Gedankengang mit einem Klick wieder öffnen.

Technisch funktioniert das, inhaltlich kostet es.

Gespräche und tiefe Arbeit ziehen aus unterschiedlichen Reserven. Kommunikation verlangt Aufmerksamkeit nach außen. Schreiben verlangt Aufmerksamkeit nach innen und in das Material. Wenn ich beides fortlaufend mische, entstehen bei mir schnell halb anwesende Gespräche und flachere Texte.

Deshalb bündele ich, soweit es der Alltag zulässt.

Vier Regeln für meinen ambivertierten Arbeitsalltag

1. Gespräche bekommen einen Zweck

Nicht jeder Austausch braucht einen Termin.

Vor einem Gespräch kläre ich möglichst:

  • Welche Entscheidung soll fallen?
  • Welche Information fehlt?
  • Wer muss wirklich dabei sein?
  • Ist ein Gespräch besser als eine schriftliche Antwort?

Ein Meeting ohne Aufgabe frisst soziale Energie und produziert wenig. Ein fokussiertes Interview kann dagegen Material für Wochen liefern.

2. Asynchron ist der Standard, synchron die bewusste Wahl

E-Mail, Dokumente und Kommentare haben einen großen Vorteil: Menschen können denken, bevor sie antworten. Aussagen bleiben auffindbar. Entscheidungen lassen sich später nachvollziehen.

Ein Call ist sinnvoll, wenn Nuancen, Tempo, Beziehung oder komplexe Abstimmung wichtiger sind als Dokumentation. Er ist nicht automatisch die hochwertigere Kommunikationsform.

Ich frage deshalb nicht: Kann man dazu kurz telefonieren? Sondern: Was wäre hier der sauberste Kanal?

3. Nach sozialer Dichte folgt keine künstliche Höchstleistung

Nach mehreren Interviews oder einem langen Veranstaltungstag plane ich nicht den schwierigsten Schreibblock meines Monats.

Das ist keine Schwäche. Es ist Ressourcenplanung.

Manche Menschen können nach fünf Stunden Austausch sofort in einen komplexen Text springen. Ich kann es manchmal. Verlassen würde ich mich nicht darauf.

Ein Spaziergang, Sport, Ruhe oder eine Nacht Abstand bringen häufig mehr als der Versuch, aus Erschöpfung noch „Momentum“ zu pressen.

4. Sichtbarkeit muss nicht laut sein

Ich bin nicht überzeugt, dass man sich permanent in den Vordergrund stellen muss, um beruflich sichtbar zu werden.

Sichtbarkeit kann auch daraus entstehen, dass man:

  • gute Fragen stellt;
  • eine klare Einordnung veröffentlicht;
  • im richtigen Moment spricht.

Lautstärke ist ein Signal. Kompetenz ist etwas anderes. Wie sich daraus Sichtbarkeit ohne Dauerinszenierung entwickeln lässt, beschreibe ich im Beitrag Stiller Experte.

Ein Mann steht mit einer Tasse am Fenster neben seinem Schreibtisch.

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Ambiversion ist keine Ausrede

Ein Persönlichkeitsbegriff kann helfen, die eigene Arbeitsweise zu verstehen. Er kann genauso gut zur bequemen Erzählung werden.

„Ich bin eben introvertiert“ darf nicht jede notwendige Ansprache verhindern. „Ich bin extrovertiert“ rechtfertigt nicht, andere zu überrollen. „Ich bin ambivertiert“ bedeutet nicht, in jeder Situation automatisch flexibel zu handeln.

Mein Verhalten in Gesprächen und Arbeitsabläufen kann ich üben und bewusster gestalten.

Ich kann ein Interview vorbereiten, obwohl ich keine Lust auf den Termin habe. Ich kann nach einem langen Gespräch eine Pause einplanen, statt mich dafür zu verurteilen. Ich kann lernen, in einem Meeting früher zu widersprechen. Und ich kann aufhören, soziale Erschöpfung als Beweis dafür zu betrachten, dass ich „eigentlich“ keine Menschen mag.

Der Begriff ist nützlich, wenn er Handlung ermöglicht, und hinderlich, wenn er sie beendet.

Ambiversion im Journalismus und in der Beratung

Meine Arbeit verbindet zwei Bewegungen, die erstaunlich gut zu diesem Modell passen.

Im Journalismus gehe ich nach außen:

  • Menschen finden;
  • Vertrauen aufbauen;
  • nachfragen;
  • zuhören;
  • Widersprüche aushalten;
  • Situationen beobachten.

Danach gehe ich nach innen:

  • Material auswerten;
  • Quellen prüfen;
  • eine These finden;
  • Struktur bauen;
  • schreiben;
  • redigieren.

In der Beratung ist es ähnlich. Ein Kunde braucht keinen Monolog über meine Expertise. Ich muss erst verstehen, wie der Betrieb tatsächlich funktioniert, wo Arbeit stockt und welche Grenzen gelten. Danach entsteht in konzentrierter Arbeit ein Audit, ein Plan oder ein Workflow.

Nur Bühne wäre Beratungstheater. Nur Werkstatt wäre Arbeit am Menschen vorbei.

Wann immer möglich, wende ich erste Prinzipien an, um mich einem Problem zu nähern.
Wann immer möglich, wende ich erste Prinzipien an, um mich einem Problem zu nähern.

Ein Wochenrhythmus statt täglicher Selbstdiagnose

Ich versuche nicht mehr, jeden Morgen zu entscheiden, welcher Persönlichkeitstyp ich heute bin.

Hilfreicher ist ein einfacher Rhythmus:

  • Fokusblöcke liegen möglichst vor oder getrennt von Gesprächen.
  • Interviews und Calls werden gebündelt.
  • Nach intensiven sozialen Phasen bleibt Luft.
  • Wichtige Gedanken werden schriftlich gesichert.
  • Am Ende der Woche prüfe ich, welche Termine wirklich etwas bewegt haben.

Die Planung ist kein Korsett. Nachrichtenlagen, Kunden und das Leben halten sich nicht an perfekte Kalender. Aber ein Grundrhythmus verhindert, dass jede fremde Anfrage automatisch den wertvollsten Teil des Tages besetzt.

Eine Frau sitzt mit einem Laptop auf einem Sofa.
Rückzug schafft Raum, um Eindrücke zu sortieren und konzentriert weiterzuarbeiten.

Mein Fazit: Die Aufgabe braucht einen Modus

Ambivertiert zu sein ist keine geheime Überlegenheit. Es ist auch kein Mangel an klarer Persönlichkeit.

Für mich beschreibt der Begriff eine einfache Realität: Ich kann Energie aus guten Gesprächen ziehen und gleichzeitig tiefe Ruhe für gute Arbeit brauchen.

Entscheidend ist nicht, ob ich auf einer Skala exakt in der Mitte liege. Entscheidend ist, ob ich meinen Modus bewusst wählen kann.

  • Begegnung, wenn Material und Beziehung zählen.
  • Rückzug, wenn Denken und Verdichtung zählen.
  • Sichtbarkeit, wenn eine Position gebraucht wird.
  • Stille, wenn Reden nur Geräusch erzeugen würde.

Die Bühne liefert Leben. Die Werkstatt macht etwas daraus.

Ich brauche beides.


Quellen und weiterführende Literatur

Passend zum Thema

Die Frage nach dem richtigen Modus hängt eng mit dem richtigen Ort zusammen. In Remote oder Büro? Mein Prinzip: Der Ort folgt der Aufgabe beschreibe ich, welche Arbeit ich wo erledige – und warum weder Homeoffice noch Präsenz für sich allein eine Strategie sind.

Sascha Tobias Tegtmeyer

Sascha Tobias Tegtmeyer

Digital-Journalist | Content- und Social-Media-Experte | KI-Augmentation & Workflows

Ich bin Content- und Marketingstratege mit 12+ Jahren Erfahrung in Online-Redaktion, SEO, Social Media, Ads und digitalem Markenaufbau. Ich verbinde journalistische Präzision und klassisches Handwerk mit praxisnaher KI- und Automatisierungskompetenz, um Workflows effizienter, skalierbarer und qualitativ stärker zu machen. Ich bringe fundierte Erfahrung aus Verlag, Agentur und Inhouse-Rollen sowie im Aufbau und Betrieb eigener digitaler Projekte mit internationalen Partnern wie Apple und Accor mit. Autor des Fachbuchs „Die Journalisten-Methode“ (2025).

Kompetenznachweise 

Digitales Marketing

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