Eigentlich müsste ich Videotelefonie lieben.
Schon 2006 habe ich auf meinem ersten schneeweißen Mac stundenlang mit meinem besten Freund geskypt. Er saß in Wien, ich in Hamburg. Manchmal lief die Verbindung einfach im Hintergrund, als wären wir im selben Raum. Das war nicht technisch kühl. Es war persönlich und verbindend.
Trotzdem empfinde ich viele berufliche Gruppencalls bis heute als anstrengend.
Ein Gespräch zu zweit? Meist kein Problem. Eine klar moderierte Runde mit einem echten Zweck? Auch gut. Zwölf Kacheln, unklare Rollen, Kamerapflicht und die jederzeit mögliche Frage „Sascha, wie siehst du das?“ – während man gerade versucht hat, aus drei halben Nebensätzen einen Sinn zu bauen? Andere Liga.
Ich nenne das bewusst nicht pauschal „Zoom-Angst“. Der Begriff klingt schnell nach einer Diagnose. Häufig geht es um eine Mischung aus Nervosität, Selbstbeobachtung, Reizüberlastung, fehlender Kontrolle und schlicht schlechtem Meetingdesign.
Die gute Nachricht: Nicht alles davon muss man persönlich wegtherapieren. Ein Teil lässt sich praktisch verändern.
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Warum Videocalls so merkwürdig anstrengend sein können
Der Kommunikationsforscher Jeremy Bailenson hat vier mögliche Belastungsfaktoren von Videokonferenzen beschrieben:
- ungewöhnlich viel und nah wirkender Blickkontakt;
- die dauerhafte Ansicht des eigenen Gesichts;
- eingeschränkte Bewegungsfreiheit;
- zusätzliche geistige Arbeit beim Senden und Lesen nonverbaler Signale.
Wichtig ist die Einordnung: Der ursprüngliche Beitrag war eine theoretische Argumentation, kein endgültiger Beweis für eine einzige Ursache. Spätere Studien fanden Zusammenhänge zwischen Videokonferenz-Erschöpfung und Faktoren wie der Selbstansicht, dem Gefühl, beobachtet oder räumlich festgehalten zu werden, sowie längeren Meetings. Auch das macht aus jedem Zusammenhang noch keine universelle Kausalregel.
Es erklärt allerdings ziemlich gut, warum ein Videocall nicht einfach ein normales Gespräch mit schlechterem Bild ist.
Externe Quelle: Jeremy Bailenson: Nonverbal Overload – A Theoretical Argument for the Causes of Zoom Fatigue.
1. Du siehst dich beim Sprechen selbst
In einem persönlichen Gespräch hängt kein Spiegel neben dem Gesicht deines Gegenübers. In Videocalls passiert genau das: Während du sprichst, kontrollierst du nebenbei deine eigene Mimik, Haltung, Beleuchtung und den rätselhaften Winkel, aus dem eine Webcam dein Gesicht neu interpretiert.
Das bindet Aufmerksamkeit.
Bei mir erzeugt diese Selbstansicht schnell einen zweiten Arbeitsauftrag:
- Ich will einen vernünftigen Gedanken formulieren.
- Gleichzeitig beobachte ich, wie ich beim Formulieren dieses Gedankens aussehe.
Der zweite Auftrag ist fast immer überflüssig.
2. Die Kachelwand erzeugt eine diffuse Bewertungssituation
In einer echten Runde weiß ich, wer gerade zuhört, wer Notizen macht und wer gedanklich bereits beim Mittagessen ist. In einer Galerie aus Gesichtern bleibt vieles mehrdeutig.
Ein neutrales Gesicht kann Zustimmung, Müdigkeit, Konzentration oder einen eingefrorenen Videostream bedeuten. Das Gehirn versucht trotzdem, die Signale zu lesen. Je unsicherer ich mich ohnehin fühle, desto leichter interpretiere ich die Unklarheit gegen mich.
Das ist keine Telepathie. Es ist Unsicherheit mit Bildschirmrahmen.
3. Die Rolle ist häufig unklar
Viele Videocalls sind nicht deshalb belastend, weil die Technik unnatürlich ist. Sie sind belastend, weil niemand sauber geklärt hat:
- Warum bin ich dabei?
- Was soll am Ende entschieden sein?
- Muss ich zuhören, beitragen oder entscheiden?
- Wann bin ich dran?
- Welche Vorbereitung wird erwartet?
Unklare Meetings produzieren passive Wachsamkeit. Man kann nicht richtig arbeiten, aber auch nicht abschalten. Das ist für mich die schlimmste Mischung: gebundene Zeit ohne erkennbare Aufgabe.
4. Die Gesprächsdynamik ist ärmer und gleichzeitig anstrengender
Kleine Verzögerungen, fehlende Seitengespräche und begrenzte Körpersprache verändern den Rhythmus. Menschen unterbrechen sich, warten zu lange oder beginnen gleichzeitig. Wer etwas sagen möchte, muss den passenden digitalen Einstieg erwischen.
In einem Raum genügt häufig ein Atemzug oder eine kleine Bewegung. Im Call bleibt davon weniger übrig. Also wird Kommunikation formeller – selbst dann, wenn alle so tun, als sei es eine lockere Runde.
Was mir konkret hilft
Die folgenden Maßnahmen sind keine Therapie und kein universelles Heilprogramm. Sie sind ein Arbeitsmodell, das meine eigene Nervosität reduziert und Videocalls funktionaler macht.
1. Die Selbstansicht ausblenden
Sobald Bild, Hintergrund und Ausschnitt geprüft sind, blende ich mein eigenes Videofenster nach Möglichkeit aus.
Die anderen sehen mich weiterhin. Ich sehe mich nur nicht mehr permanent selbst.
Das klingt lächerlich klein. Für mich ist es einer der wirksamsten Schritte, weil ein unnötiger Kontrollkanal verschwindet. Der Blick geht zurück zum Gespräch.
Auch die Galerie muss nicht dauerhaft bildschirmfüllend sein. Je nach Rolle reicht es, die sprechende Person oder die geteilten Inhalte groß zu sehen.
2. Vor dem Call einen eigenen Auftrag formulieren
Fünf Minuten vor einem wichtigen Gespräch schreibe ich einen Satz auf:
Nach diesem Meeting möchte ich …
Zum Beispiel:
- die drei offenen Anforderungen verstanden haben;
- meine Empfehlung zu Punkt X klar vertreten haben;
- wissen, wer bis wann entscheidet;
- eine einzige fachliche Frage beantwortet bekommen.
Damit werde ich vom passiven Teilnehmer wieder zum handelnden Menschen.
Zusätzlich notiere ich höchstens drei Punkte:
- mein wichtigster Beitrag;
- meine wichtigste Frage;
- die Entscheidung oder Information, die ich brauche.
Kein Skript. Ein Geländer.
3. Den ersten Satz vorbereiten
Nervosität sitzt häufig nicht im gesamten Beitrag. Sie sitzt in den ersten drei Sekunden.
Deshalb formuliere ich den Einstieg vorab:
- „Ich sehe an dieser Stelle zwei getrennte Probleme.“
- „Mein wichtigster Punkt betrifft die Freigabe.“
- „Bevor wir entscheiden, würde ich eine Annahme prüfen.“
- „Aus redaktioneller Sicht spricht für Variante B vor allem …“
Sobald der erste Satz steht, folgt der Rest meist wesentlich leichter.
Das ist keine künstliche Performance. Nachrichtensprecher, Moderatoren und erfahrene Redner verlassen sich ebenfalls nicht darauf, dass der perfekte Einstieg spontan vom Himmel fällt.
4. Eine Sekunde langsamer werden
Wenn eine Frage überraschend kommt, will mein Körper sofort antworten. Genau dann hilft mir ein kleiner Dreischritt:
- ausatmen;
- den ersten Satz denken;
- erst dann sprechen.
Die Pause fühlt sich im eigenen Kopf länger an, als sie für andere wirkt. Sie signalisiert nicht Unwissen. Häufig signalisiert sie, dass jemand eine Frage tatsächlich verarbeitet.
Ich spreche außerdem bewusst etwas langsamer. Nicht in Zeitlupe. Nur ohne den nervösen Versuch, jeden Gedanken in einem Atemzug auszuliefern.
Wer kurz nachdenken muss, darf das sagen:
„Gib mir einen Moment, ich möchte das sauber trennen.“
Das ist souveräner als fünf hastige Sätze, die erst beim Sprechen herausfinden, wohin sie wollen.
5. Das Meetingdesign verändern
Der wichtigste Punkt wird erstaunlich oft übersehen: Nicht jeder Teilnehmer muss sich an ein schlechtes Meeting anpassen. Man kann das Meeting verbessern.
Für eigene oder beeinflussbare Termine nutze ich diese Regeln:
- ein Ziel in der Einladung;
- eine klare Frage oder Entscheidung;
- nur notwendige Personen;
- vorbereitendes Material vorab;
- kürzere Dauer;
- Pausen zwischen mehreren Calls;
- Kamera nur dort, wo sie einen echten Kommunikationsnutzen besitzt;
- dokumentierte Entscheidungen und Zuständigkeiten am Ende.
Eine Untersuchung mit zwei großen Befragungen fand, dass häufige, aber kurze Videomeetings in kleinen Gruppen eher mit sozialer Verbundenheit einhergingen als lange, große Runden. Das ist kein fertiges Meetinggesetz. Es passt aber zu einer einfachen Erfahrung: Ein fokussiertes Gespräch kann verbinden. Eine zweistündige Kachelparade verbindet vor allem alle Teilnehmer mit ihrer Erschöpfung.
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Ich unterstütze stille Experten und kleine Teams dabei, Fachwissen in klare Inhalte, belastbare Redaktionsabläufe und sinnvolle KI-Workflows zu übersetzen.
Ein paar klare Sätze reichen. Keine automatisierte Verkaufsschleife.
Was ich außerhalb von Calls trainiere
Ich diktiere viel. Beim Gehen, auf dem Fahrrad oder am Schreibtisch. Dadurch übe ich täglich, Gedanken in gesprochene Sprache zu übersetzen.
Das hat meine Sicherheit in Gesprächen stärker verbessert als jeder Tipp über Beleuchtung.
Wer das ausprobieren möchte, braucht kein Mikrofonstudio. Fünf Minuten reichen:
- Nimm ein Thema aus deiner Arbeit.
- Formuliere eine Frage.
- Sprich zwei Minuten frei dazu.
- Höre die Aufnahme nicht mit ästhetischem Entsetzen, sondern analytisch.
- Suche einen Punkt: Wo wurde der Gedanke unklar?
- Sprich eine zweite, kürzere Fassung.
Auch lautes Lesen kann Artikulation und Sprechfluss trainieren. Ich würde daraus allerdings keine neurologische Wundertechnik machen. Der Nutzen liegt vor allem in der Routine: Die eigene Stimme wird weniger fremd, und klare Sätze entstehen leichter unter Druck.
Ein kleines Protokoll für den nächsten Videocall
Zehn Minuten vorher
- Ziel des Meetings lesen oder selbst formulieren.
- Selbstansicht nach der Bildkontrolle ausblenden.
- drei Stichpunkte auf Papier notieren.
- ersten Satz vorbereiten.
- Benachrichtigungen schließen.
Im Gespräch
- aktiv zuhören statt alle Gesichter zu überwachen;
- bei Unklarheit nachfragen;
- vor der Antwort kurz atmen;
- einen Gedanken pro Wortmeldung;
- Entscheidungen und Zuständigkeiten festhalten.
Danach
- offene Punkte in zwei Minuten notieren;
- Folgeaufgaben sofort zuordnen;
- bei mehreren Calls eine echte Pause einplanen;
- prüfen: War ich nervös – oder war das Meeting schlicht schlecht gebaut?
Diese letzte Frage ist wichtig. Nicht jedes unangenehme Gefühl ist ein persönlicher Mangel.
Wann Selbsthilfe nicht genügt
Nervosität vor einzelnen Videocalls ist verbreitet. Wenn die Angst jedoch stark ist, regelmäßig zu Vermeidung führt, körperlich sehr belastet oder auch andere soziale und berufliche Situationen dominiert, ist ein Blogbeitrag nicht das richtige Werkzeug. Dann kann professionelle psychologische oder ärztliche Unterstützung sinnvoll sein.
Ebenso sollte ein Arbeitgeber nicht jedes Problem individualisieren. Dauernde Kamerapflicht, pausenlose Meetings und schlechte Moderation werden nicht dadurch vernünftig, dass Beschäftigte besser atmen.
Fazit: Souveränität entsteht aus Kontrolle über den nächsten Schritt
Ich liebe Videocalls nicht plötzlich. Das wäre auch eine etwas alberne Zielsetzung.
Ich kann sie heute besser einordnen und steuern.
Der entscheidende Wechsel war dieser:
Ich muss nicht die gesamte Situation kontrollieren. Ich brauche nur Klarheit über meine Rolle, meinen nächsten Satz und das gewünschte Ergebnis.
Ich blende die Selbstansicht aus, lege drei Punkte auf Papier, bereite den Einstieg vor, spreche langsamer – und versuche, schlechte Meetings besser zu bauen.
Keine Zauberei. Aber deutlich weniger inneres Theater.
Quellen und weiterführende Hinweise
- Jeremy Bailenson: Nonverbal Overload – A Theoretical Argument for the Causes of Zoom Fatigue
- Fauville et al.: Zoom Exhaustion & Fatigue Scale
- Fauville et al.: Nonverbal Mechanisms Predict Zoom Fatigue
- Queiroz et al.: Too Tired to Connect
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Warum ich Arbeitsorte und Kommunikationsformen nicht ideologisch, sondern nach ihrer Funktion auswähle, beschreibe ich im Beitrag Remote oder Büro? Der Ort folgt der Aufgabe. Mein System für konzentrierte Arbeitsphasen steht im Beitrag über Deep Work mit KI.